Kürzlich besuchte Dr. Chen Xiaomin, Herzspezialist in einer großen chinesischen Klinik, das BETHLEHEM Krankenhaus und besichtigte die seit 2003 bestehende
Abteilung für Traditionelle Chinesische Medizin. Im Interview spricht der praktizierenden Arzt der westlichen Medizin über die Wirkungsweise der seit Jahrtausenden existierenden traditionellen Heilmethode und den Umgang damit in seiner Heimat.
Warum interessieren Sie sich als Arzt der interventionellen Kardiologie (Herzkatheteruntersuchungen, Elektrostimulation, Herzschrittmacher) auch für die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)?
Die Traditionelle Chinesische Medizin, hat zahlreiche positive Aspekte. Bei vielen Problemen stoßen wir mit der westlichen Medizin auf Grenzen. Umgekehrt natürlich auch. Aber zum Beispiel bei funktionellen Störungen, wie bei Burn-out-Zuständen, hat die westliche Medizin nicht viel zu bieten. Auch die Genesungsphase nach schweren Krankheiten kann durch die TCM sehr gut unterstützt werden. Kombiniert mit der westlichen Medizin kann die TCM ebenso Krankheiten auch direkt behandeln.
Wie wird in China mit diesem Wissen um die Wirksamkeit der TCM umgegangen?
Beispielsweise wurde ich bei meinem westlichen Medizinstudium, wie allgemein üblich, auch in die TCM eingeführt. In unseren Krankenhäusern geht man zudem den Weg der Verbindung der beiden Medizinformen. In China gibt es sogar einen Verband zur Förderung der Zusammenführung beider Heilmethoden. Mittlerweile werden viele westliche Länder auf die damit verbundenen Vorteile aufmerksam. Ich freue mich sehr, dass auch das Stolberger Krankenhaus eine Abteilung für TCM eingerichtet hat.
Wie würden Sie die beiden unterschiedlichen Heilmethoden beschreiben?
Beide Methoden haben einen anderen Ursprung. Die westliche Medizin basiert auf der überprüfbaren Wissenschaft und die TCM auf einem jahrtausend alten Erfahrungsschatz. Beide Medizinformen haben ihre Vorteile. Bei akuten Leiden hilft eher die westliche Medizin und bei chronischen Leiden eher die TCM. Beide haben ihre Grenzen, aber können sich gegenseitig wunderbar ergänzen.
Wann greifen Sie in Ihrem Klinikalltag zur TCM?
Gute Erfahrungen habe ich als Kardiologe bei Herzrhythmusstörungen, speziell Extrasystolen, gemacht. Auch bei koronarer Herzkrankheit oder Herzinsuffizienz wende ich häufig chinesische Kräuter als begleitende Therapie an. Sie erweitern die Blutgefäße, also bewegen das Blut. Durch die guten Fertigpräparate, die mittlerweile hergestellt werden, ist die Anwendung der TCM zum Glück viel einfacher und bequemer geworden. Früher mussten aufwendige Abkochungen hergestellt werden. Heutzutage werden die Kräuter meist in Pulver- oder Kapselform oder sogar als Infusion verabreicht.
Sind Sie also ein Arzt für westliche Medizin und für TCM?
Nein, das kann man so nicht sagen. Hauptsächlich behandele ich meine Patienten auf die Weise, wie es ein deutscher Kardiologe auch tun würde. Teilweise aber unterstütze ich die Therapie mit einer Methode aus der TCM. Dann arbeite ich meist mit speziellen Kräuterrezepturen. Es gibt jedoch noch einige andere Elemente der TCM wie beispielsweise Akupunktur und Massage. Bei Bedarf bitte ich einen Fachkollegen der TCM zur Mitbehandlung hinzu oder verweise meine Patienten an einen traditionell chinesisch arbeitenden Mediziner.
Die Methoden der TCM sind wissenschaftlich schwer überprüfbar. Warum glauben sie an ihre Wirksamkeit?
Wir wissen, dass es wirkt. Ich habe es schon oft bei meinen Patienten und mir selbst erfahren. Im Grunde genommen ist es wie in der westlichen Medizin auch. Man beobachtet eine Besserung, auch wenn man noch nicht direkt weiß warum, und verwendet dieses oder geht dem nach. Ich glaube fest, irgendwann, wenn die Analyseverfahren weiter entwickelt sind, wird man auch genau erfahren, warum die TCM wirkt. Die Kräuter sind ja bereits zum größten Teil analysiert. Zumindest kennt man ihre Zusammensetzung. Zudem gibt es Studien, die die Behandlungserfolge der TCM belegen - auch ein wissenschaftlicher Ansatz. Das Schwierige ist, dass die Bestandteile einer Kräuter-Arznei sehr komplex sind. In der westlichen Medizin verwendet man häufig ein Medikament, das chemisch aus einem definierten Molekül besteht und das eine bestimmte Wirkung auf den Organismus hat. In jedem pflanzlichen Präparat der TCM ist jedoch eine überaus große Menge an Substanzen enthalten, die auch noch in Wechselwirkung zueinander stehen. Daher kann man mit Kräuterrezepturen, die mehrere Kräuter kombinieren, individuell auf den Patienten abgestimmt, eine Ausbalancierung des gesamten Organismus erreichen.